Zunftwesen

Zunftwesen, Zunftsiegel und wandernde Gesellen von Martin Weiler

Die Anfänge des Zunftwesens gehen bis in das 12. Jahrhundert   zurück. Aus den Handwerksgilden entwickelten sich die Zünfte. Es handelte sich   dabei um Zwangsorganisationen, in denen alle ein Handwerk ausübende Meister und   Gesellen zusammengeschlossen waren. In der Blütezeit der Zünfte–15./16.   Jahrhundert — kontrollierten sie die Preisgestaltung, überwachten die Güte der   geleisteten Arbeit und sorgten für ein ausreichendes Einkommen aller   Zunftgenossen. Im ausgehenden Mittelalter stellten die Zünfte das Gegengewicht   gegen das städtische Patriziatdar und erkämpften   sich Freiheiten und Rechte. Durch starres Festhalten an überkommenen Formen und   mangelnde Anpassungsfähigkeit setzte gegen Ende des 16. Jahrhunderts der Verfall   ein, der durch Machtkämpfe einzelner Zünfte gegeneinander noch beschleunigt   wurde. Auch trugen die fortgesetzten Kriegswirren im 17. und 18. Jahrhundert zum   Niedergang bei. In Frankreich wurden die Zünfte 1791 aufgelöst. Nach der   Besetzung der Gebiete auf dem linken Rheinufer durch die französischen   Revolutionstruppen wurden auch in unserem Raum die Zünfte abgeschafft. Von   diesem Zeitpunkt an galt, daß jedermann an jedem Ort im Rahmen der bestehenden   Gesetze wirtschaftlich tätig werden könne. Im Deutschen Reich bestanden die   Zünfte bei schwindender Bedeutung im Zeichen neuer Wirtschaftsformen bis zum   Jahre 1867. An ihre Stelle traten 1897 die Innungen.

Im zweibrückischen Amt Nohfelden, auf halber Strecke zwischen   der Stadt St. Wendel – Kurtrier zugehörig – und der Stadt Birkenfeld – bis 1731   unter der Regierung der Pfalzgrafen Pfalz-Birkenfeld, dann   Zweibrücken-Birkenfeld, nach dem Teilungsvertrag von 1776 Baden zugeordnet –   gelegen, konnte das Zunfwesen, bedingt durch den ländlichen Charakter des   Raumes, nicht die gleiche Bedeutung erlangen, wie dies für den Bereich beider   Städte überliefert ist.

Birkenfeld: Die Rauchhaberregister von 1559 und 1563 nennen   zahlreiche Berufsbezeichnungen, wobei ungewiß bleibt, ob sie den Beruf oder den   Familiennamen angeben. Häufig werden wohl Namensbezeichnung und Beruf identisch   gewesen sein.

Die älteste Zunftordnung des Amtes Birkenfeld ist die   Kiefer-und Bender-Zunftordnung vom 13. Juli 1566.   Sie regelte das Eintrittsgeld für die Meister, erläuterte Art und Zahl der   Werkstücke, die ein angehender Meister als Nachweis seinerhandwerklichen Fertigkeiten vorzulegen hatte und zeigte die Abgaben auf,   die von der Zunft der Obrigkeit zu leisten waren. Der Zunfttag wurde auf St.   Urban -25. Mai- gehalten. Die Zahl der Meister im Amt Birkenfeld wird in den   Zunftprotokollen für 1581 mit 63, für 1601 mit 60, für 1610 mit 58 und für 1626   mit 47 angegeben.

Die Zunftordnung der Hammer- oder Bauzunft wird 1594 bestätigt.   In ihr sind die Steinmetzen, Maurer, Leiendecker, Zimmerleute, Schreiner,   Schmiede, Schlosser, Glaser, Wagner, Dreher, Hafner, Tüncher, Waffenschmiede,   Scherer und Branntweinbrenner zusammengeschlossen. Die Zunftordnung umfaßt 24   Artikel. Die Lehrzeit für Steinmetze beträgt fünf Jahre, für Maurer, Glaser,   Schreiner, Zimmerleute und Leiendecker drei Jahre. Mit einer zweijährigen   Lehrzeit kommen die Hafner, Schmiede, Wagner und Dreher aus. 1637 sind für die   Hammerzunft 26 Meister nachgewiesen, unter denen die Schmiede (11) und Wagner   (8) dominieren. Aus dem Jahre 1596 stammt die älteste Wollenweberzunftordnung.   In diesem Jahr gehörten 77 Meister der Zunft an. 1604 werden 89 Meister   nachgewiesen; die Zahl steigert sich 1610 auf 102, während 1639 – im letzten   Drittel des Dreißigjährigen Krieges – die Zahl auf 46 zurückgefallen ist.

Der Niedergang des Zunftwesens wurde während der badischen Zeit   -nach 1776- zeitweilig unterbrochen. Als Voraussetzung für die Aufnahme in die   Zunft wurde gefordert, daß die Schule regelmäßig besucht worden war; die   Lehrzeit war bei einem Meister zu absolvieren, als Geselle der Nachweis einer   mehrjährigen Wanderschaft zu führen.

St. Wendel: Gegen Ende des 14. Jahrhunderts hatten einzelne   Gewerbezweige ausreichend an Bedeutung gewonnen, so daß sich die Mitglieder zur   Durchsetzung ihrer Vorstellungen in Zünften zusammenschlossen. Im 16.   Jahrhundert beherrschte das Handwerk das städtische Wirtschaftsleben, wobei den   Märkten und auch den Prozessionen aus der nahen und weiten Umgehung zum Grab des   hl. Wendelinus erhebliche Bedeutung zukam. Die Stadt förderte den Zugang fremder   Meister durch den Anreiz, das Bürgerrecht zu erhalten für jene, die „so   beruhmeten vnd gueten bestendigen handtwercks seyen“ (Amtsordnung von 1594). Die   enge Verbindung zwischen Handwerk und Stadtverwaltung beweist auch die stete   Besetzung des Schöffenstuhles durch Handwerker.

Die Vielfalt des städtischen Handwerks wird aus einer   Gebäudesteuerrolle des 16. Jahrhunderts ersichtlich. Innerhalb der Stadtmauern   sind nachgewiesen: 1 Kannengießer, 3 Schlosser, 4 Schmiede, 1 Büchsenmacher, 2   Küfer, 1 Wagner, 4 Schreiner, 2 Häfner, 3 Steinbrecher, 4 Maurer, 1 Kleber, 3   Steinmetze, 1 Zimmer mann, 1 Glaser, 1 Strohdecker, 5 Rot- und 2 Weißgerber, 1   Schuster, 2 Kürschner, 2 Sattler, 5 Wollenweber, 3 Tuchscherer, 1 Seiler, 8   Schneider, 3 Hutmacher, 1 Putzmacherin, 6 Bäcker, 1 Bierbrauer und 1 Metzger.   Dabei ist zu bemerken, da8 diese Aufzählung aus einer schwierigen Zeit stammt;   die Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung nach den Bauernkriegen, weiter der   durch die Reformation verminderte Besuch der Märkte und das Ausbleiben der   Wallfahrer bewirkten rückläufige Tendenzen für den Handel des vorher blühenden   Gemeinwesens.

1756 existieren etwa 130 selbständige Betriebe in der Stadt.   Angaben über die Zahl der Meister in den verschiedenen Zünften: Leinenweberzunft   3, Bauzunft 17, Schmiedezunft 18, Müller- und Bäckerzunft 11, Schneiderzunft 5,   Schuhmacher zunft 10, Gerber- und Metzgerzunft 19, Krämerzunft 26 und   Wollenweberzunft 21 Meister. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Zahl   der selbständigen Betriebe auf 200.

In den letzten Jahrzehnten vor 1800 mehren sich auch hier die   Zeichen des Zerfalls: Querelen der Schlosser gegen die Schmiede, Beschwerden der   Metzger gegen die Bäcker und Wirte, rücksichtsloses Verteidigen von Privilegien,   Verdrängen Fremder von den Märkten, Widerstand gegen jede freiere   Wirtschaftsform, überhöhte Eintrittsgelder für neue Meister.

Das Zunftwesen im Amt Nohfelden (18. Jahrhundert)

Ursprünglich mußten die zünftigen Meister ihre Vorrechte mit   dem Zunftwachs erkaufen; daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine   Geldabgabe für Fürst und Kirche. Der Berater des Herzogs Christian IV. in   Zunftangelegenheiten, der Archivar Bachmann, erarbeitete um 1750 eine Neuordnung   dieser Abgabe: Jede der drei Kirchenschaffneien – die reformierte, lutherische   und katholische – erhielt von jedem aufgedungenen und losgesprochenen Lehrling,   von jedem neuen Meister und jeder neuen Meisterin – weil sie als Witwe   zukünftige Rechte besaß – eine festgelegte Abgabe. Die weltlichen Beamten   erhoben diese Auflage und übersandten sie der Kirche. Im Amte Nohfelden erhob   der Amtskeller die Abgabe und schickte den „reformierten“ Anteil nach Kusel, die   beiden anderen nach Zweibrücken.

Nach der Jahresrechnung 1761 bestanden im Amt Nohfelden fünf   Zünfte:

  1. Die Bau- und Hammerzunft. Zunftmeister waren Sigismund Heim und Jakob Sahr.   Als Abgabe wurden von fünf jungen Meistern 4 Gulden, von drei aufgedungenen   Lehrjungen 2 Gulden 6 Batzen, von fünf losgesprochenen Lehrjungen 4 Gulden,   insgesamt also 10 Gulden 6 Batzen, entrichtet.
  2. Die Bäcker-, Metzger- und Küferzunft. Zunftmeister: Jakob Geiß und Jakob   Ruppenthal, Geschworener Johann Nickel Schley. Vier losgesprochene Lehrbuben   zahlten 3 Gulden 3 Batzen.
  3. Die Müllerzunft. Zunftmeister: Elias Wögemüller, Geschworener: Nickel Frieß.   Für zwei junge Meister betrug die Abgabe 1 Gulden 9 Batzen.
  4. Die Schuhmacher- und Rotgerberzunft. Als Zunftmeister fungierten Franz   Ruppenthal und Johann Conrad Presser, als Geschworener Michel Cüntzer. Für einen   jungen Meister waren 12 Batzen, für drei aufgedungene Lehrjungen 2 Gulden 6   Batzen, für zwei losgesprochene Lehrbuben 1 Gulden 9 Batzen Abgabe zu leisten.
  5. Die Schneider-, Leinen- und Wollenweberzunft. Hier sind als Zunftmeister   Georg Wentz und Franz Olberk, als Geschworene Jakob Alt und Jakob Seibert   benannt. Diese Zunft bringt an Abgaben: Für zwei junge Meister 1 Gulden 9   Batzen, für acht aufgedungene Lehrjungen 6 Gulden 6 Batzen, für acht   losgesprochene Lehrjungen den gleichen Betrag, insgesamt 14 Gulden 6 Batzen   (Anmerkung: 1 Gulden = 15 Batzen).

Dem Begleitschreiben des rechnenden Beamten – Unterschrift:   Goez – ist zu entnehmen, daß der Gesamtbetrag innerhalb des Zeitraumes von zwei   Jahren aufgekommen ist. Diese Abgabe stellt für das kleine Amt Nohfelden eine   ansehnliche Summe dar. Betrachtet man übrigens die Einzelsätze, so ist   festzustellen, daß für jeden Gebührenfall – ob Meisterwerdung, Aufgedinge oder   Lossprechung eines Lehrjungen – einheitlich 12 Batzen zu entrichten waren.

Im Jahre 1731 wird durch Reichsgesetz gefordert, daß alle   wandernden Handwerker eine Kundschaft (Reisepapiere, Arbeitszeugnisse) besitzen   müssen. Damit wurden auch die kleinen Zünfte im ländlichen Bereich veranlaßt,   sich ein Siegel fertigen zu lassen. Da die Führung des Zunftsiegels dem   jeweiligen Zunftmeister oblag, schien Mißbrauch weitgehend ausgeschlossen. Zuvor   hatten sich im Nachweis von Beschäftigungszeiten, in Ortsangaben und   Bescheinigungen über die Aufenthaltsdauer Mißstände eingeschlichen, deren   Abstellung wohl als einer der Gründe zum Erlaß des Reichsgesetzes vermutet   werden kann. Diese „Handwerkerordnung“ von 1731, die übrigens 1772 modifiziert   wurde, hat über Jahrzehnte hinaus Handwerk und Zunftwesen beeinflußt.

Eintragungen in der „Kundschaft“ bedurften der Unterschrift des   Zunftmeisters und Abdruck des Zunftsiegels. So scheinen die Zünfte im   Amtsbereich Nohfelden 1736 Siegel erhalten zu haben. In den „Mitteilungen des   Vereins für Heimatkunde im Landesteil Birkenfeld“ berichtet im April 1927 (Nr.   2, 1. Jahrgang) A. Heidrich über Zunft- und Amtssiegel. Unter Ifd. Nr. 2 ist   aufgeführt: Wolfersweiler: Bav: Zvnft: in: Siegel: 1736. 6 Embleme.   Petschaft aus Messing im Landesmuseum (Trier?). Ernst Drumm, Zweibrücken,   veröffentlicht im April 1931 in den gleichen „Mitteilungen“ die Wiedergabe eines   Abdrucks des „Wolfersweiler- Miller-Zvnft-Sigel – 1736“, das er im Archiv   Zweibrücken auf einer Urkunde in leidlicher Erhaltung entdeckt hatte. Das Siegel   zeigt zwei springende Löwen, die ein Mühlrad halten; darüber steht das   Schlußeisen der Mühlsteine. E. Drumm äußerte damals die Hoffnung auf weitere   archivarische Funde, um Existenz und Aussehen der Siegel der restlichen Zünfte   belegen zu können.

Ein glücklicher Zufall brachte 1959 das Siegel der Küferzunft   Wolfersweiler, der auch die Bäcker und Metzger angehörten, zur Kenntnis der   Öffentlichkeit: Der Verfasser sah in der Gastwirtschaft Alt zu Wolfersweiler ein   kleines Petschaft aus Messing, das der Gastwirt Gustav Alt beim Aufräumen des   Dachbodens gefunden hatte. Nach sorgfältiger Reinigung ergaben sich   einwandfreie, scharfgestochene Siegelabdrücke mit der Umschrift: Wolffersweiler > Kiffer > Zvnft > Sigel > 1736 . Die innere Fläche des   Siegels wird durch eine Linie in einen kleinen und großen Kreisabschnitt   unterteilt. Den kleinen Kreisabschnitt füllen ornamentale Linien. Über der Linie   befindet sich an zentraler Stelle ein aufrecht stehendes Faß, beidseitig   flankiert von zwei stilisierten Küfern, die in einer Hand je einen Hammer

 

Zunftsiegel

 

(Dechsel, Zimmermannsbeil, das auch zum Werkzeug der Böttcher   und Küfer gehört), in der anderen ein Schlageisen, in halber Faßhöhe auf ein   Faßband aufgesetzt, halten. Über dem Kopf jeder Figur, leicht nach außen   versetzt, ist ein siebenstrahliger Stern angeordnet. In den freien Raum über dem   Faß sind zwei gekreuzte Bandhaken (Werkzeug zum Aufziehen der Reifen) eingepaßt,   zwischen denen ein weiteres Küferwerkzeug eingefügt ist.

Seit einigen Jahren wird ein Siegelabdruck in der Vitrine im   Geschäftsraum der Raiffeisenbank Obere Nahe in Wolfersweiler ausgestellt. Das   Petschaft verblieb im Besitz des Gastwirtes Gustav Alt.

Zunfttage

Sämtliche Zunfttage der Zünfte des Amtes Nohfelden wurden in   Wolfersweiler, dem Gerichtsort, gehalten. Dies erklärt wohl auch die Ortsangabe   „Wolfersweiler“ in den Siegeln, obwohl Nohfelden der Amtsort war. Alljährlich   stellte der Zunfttag, der am Feste Johannes Baptistae – 24. Juni, Fest Johannes   des Täufers – stattfand, den Höhepunkt für Meister, Gesellen und Lehrjungen dar.   Von einem Gottesdienst eingeleitet, durch den Zunftstrauß verschönt, bestand der   offizielle Teil im Verlesen der Artikel der Zunftordnung; anschließend wurde der   Rechnungsbericht für den Zeitraum seit dem letzten Zunfttag vorgetragen. Dann   folgte das zünftige Beisammensein; dieser Begriff blieb, wenn auch in   übertragenem Sinn bis in unsere Tage erhalten.

Schwarzarbeit

Wie streng darauf geachtet wurde, daß auswärtige Handwerker   nicht im eigenen Zunftbereich arbeiteten, belegt eine Eintragung im Urkunde-Buch   der katholischen Kirchengemeinde (1778, Nr. 33):

„Ein von Rückweiler bey Hr. Pastor Wagner arbeitender Schneider   wird vom Zunftmeister Faber beschuldigt, wider Zunft-Recht gehandelt zu haben,   wird aber vom Amt Nohfelden frey gesprochen, weil Hr. Pastor Wagner, wie andere   herrschaftlichen Beamten, dem Zunftrechte nicht unterworfen sey. Fürstl. Amt   Nohfelden den 16ten Juny 1778 – Unterschrift: Euler“

Das Geschäftsbuch eines Gerbermeisters

Im Besitz der Familie Emil Presser, Wolfersweiler, befinden   sich Aufzeichnungen eines Vorfahren, die einen Überblick über Umfang und Art   handwerklicher Tätigkeit und des Lederabsatzes vermitteln. Aus der letzten Phase   des zunftgebundenen Handwerks über die Franzosenzeit bis nach den   Befreiungskriegen reichen die Eintragungen im „Mannualüber alle außenstehenden Schulden von mir Johann Paulus   Presser, Gerbermeister zu Wolfersweiler, Anfangend mit Gott Anno 1762″. Das umfangreiche Buch, dessen Deckel mit braunem Leder überzogen   sind, enthält auf 284 großformatigen Seiten präzise Angaben über Lieferungen und   Leistungen des Gerbermeisters einschließlich der finanziellen Abwicklung, die   auch Ratenzahlung und Fälligkeitstage – „… zahlt auf Lorentzentag.“ kennt. Den   Stammkunden sind eigene Blattseiten eingerichtet, auf denen sich die   geschäftlichen Beziehungen fortlaufend über Jahrzehnte verfolgen lassen. Um ein   rasches Auffinden der „Kundenblätter“ zu ermöglichen, hat der Meister auf den   letzten 12 Seiten des Buches vorgesorgt: „Hierauf folget nun das Register nach   dem Alphabett Ein gerichtet“.         Dieses Verzeichnis umfaßt etwa 350 Namen; die   Kunden kommen aus 40 Ortschaften. Entsprechend den Verkehrsverbindungen   konzentrieren sich die hauptsächlichen Geschäftsverbindungen in der näheren   Umgebung (die Zahl der jeweiligen Kunden ist in Klammern gesetzt): Wolfersweyler   (89), Freyßen (Freisen 59), ober Kirchen (Oberkirchen 21), Gimpweyler   (Gimbweiler 18), Rückweyler (17), Nohfelden (14), Wallhausen (13), Eitzweyler   (11), Asweyler (10), Rohrbach (9). Während die in der Gerberei verarbeiteten   Felle überwiegend aus der nahen Umgebung bezogen werden, geht das „ober Letter“   und „Sohletter“ bis nach Bußen (Bosen), Dhronecken, Ellweiler, Bleiderdingen,   Heimbach, Baumholder, Ausweiler, Pfeffelbach, Herchweiler, Reichweiler, Kerborn   (Körborn bei Kusel), Reittschett (Reitscheid), Namborn, Oberlinxweiler, Imweiler   (Ortsteil von Oberthal) und „auf die Mauer“. Es mag überraschen, daß   Geschäftspartner aus den Städten Kusel, St. Wendel oder Birkenfeld nicht   vertreten sind; die Stadtbewohner waren gehalten, ihren Bedarf beim heimischen   Handwerk zu decken.

Unter französischer Verwaltung

Die französische Gesetzgebung beendete das Zunftwesen. Wer ein   Geschäft oder Gewerbe betreiben wollte, bedurfte der Erlaubnis der Verwaltung;   das „Patent“, der einzuholende Gewerbeschein, durfte dem Antragsteller nur in   wenigen bestimmten Fällen verweigert werden. Nach den Befreiungskriegen wurde in   St. Wendel im Jahre 1817 vergeblich die Forderung erhoben, die alten Zünfte   wieder aufleben zu lassen.

Auf Wanderschaft im Jahre 1837/38

Nachdem die Zeiten wieder friedlich geworden waren, gingen die   Handwerksgesellen weiter auf Wanderschaft. Doch nicht mehr das Handwerk, sondern   die staatlichen Behörden regelten das Meldewesen. Als Beispiel diene das   „Wander-Buch“ des „Bierbrauer- und Kiefer-Gesellen Johann Presser“ aus dem Jahre   1837, dem Großvater des heutigen Gastwirts Fritz Presser.

Das Wanderbuch, etwa im Format einer heutigen Postkarte,   enthielt 32 Seiten; die Innenseiten wurden durch schwarz-braun-gelb unregelmäßig   gemusterte steife Deckel aus Pappe geschützt, der Einband war in braunem Leder   ausgeführt. Das „Signalement“ auf der zweiten Innenseite verlangte eine genaue   Personenbeschreibung des Inhabers: Vor- und Zuname: Johannes Presser, Gebürtig   von: Wolfersweiler, Eltern: Johannes Presser & Elisab. Nabinger, Profession:   Bierbrauer und Kiefer, Geburtsjahr: 1817, Alter: 20 Jahre, Größe: 5 Fuß 9 Zoll   oldenburgisch, Haare: Dunkelbraun, Stirn: breit, Augenbraunen: braun, Augen:   grau, Nase: spitz, Mund: gewöhnlich, Bart: ohne, Kinn: vorstehend, Gesicht:   rund, Gesichtsfarbe: frisch, Besondere Kennzeichen: keine, Namensunterschrift   oder Handzeichen des Wanderers: Johann Presser.

Den Einfluß der staatlichen Behörden kann der „Geleitbrief“   nicht verleugnen: „Alle Civil- und Militair-Behörden werden ersucht, den   vorbenannten Gesellen, so lange er sich nachstehender Vorschriften gemäß   beträgt, frei und ungehindert passiren, und nöthigen Falls ihm allen Schutz und   Beistand angedeihen zu lassen. Birkenfeld, den 8ten September 1837   Großherzoglich Oldenburgische Regierung des Fürstenthums Birkenfeld.“ Neben der   Unterschrift „Fischer“ ist ein Oblatensiegel aufgeklebt.

Ein handschriftlicher Vermerk ist nachgesetzt: Abgegeben auf   dem Amte zu Nohfelden am 8ten September 1837, gez. Barleben. Der ovale   Stempelabdruck enthält

die Umschrift: Fürstenthum Birkenfeld. Im Stempelfeld   waagrechter dreizeiliger Eindruck: Grossherz. Oldenburg. Amt Nohfelden. Die   beiden nächsten Seiten füllen die

Vorschriften für den wandernden Handwerksgesellen

  1. Da die Reisepässe der Handwerksgesellen ohne den gleichzeitigen Besitz eines   Wanderbuches in mehreren Bundesstaaten nicht mehr als gültig anerkannt werden,   so wird der wandernde Gesell erinnert, sein Wanderbuch wohl zu verwahren und   vollständig zu erhalten. Es darf daher in selbigem weder etwas radirt oder   corrigirt, weder ausgestrichen oder herausgerissen, noch auch etwas Fremdartiges   beigefügt werden.
  2. Der Handwerksgeselle ist verbunden, jeder Polizei-Behörde, wo er   durchreiset, sein Wanderbuch vorzuzeigen, und, nachdem dieselbe daraus ersehen   hat, wo und wie er seine Wanderzeit zugebracht hat, sie um Visirung desselben zu   bitten.
  3. Die Visa der Polizei-Behörden schließen sich an die Arbeits- und   Aufführungsbescheinigungen, und diese an jene wieder an, so daß kein Raum   dazwischen gelassen bleibt.
  4. Damit bei der Vergleichung der Visa’s für keinen bedeutenden Zeitraum die   Nachweisung über den Aufenthalt des Inhabers fehle, muß der Gesell auf ein   zweckmäßiges Wandern bedacht seyn, sich allen unbestimmten Durchkreuzen eines   Landes enthalten, es sey denn, daß ihm ein Meister im Land bekannt ist, der   Gehülfen sucht, und er darf ohne gegründete Ursachen nirgendwo einen längeren   Aufenthalt als für eine Nacht, oder, sofern er unverdächtige Ursachen dazu   glaubhaft angeben kann, höchstens nur für 3 Tage nehmen.
  5. Sollte er aber durch eine Krankheit von der Arbeit oder Fortsetzung seiner   Reise abgehalten, oder bei Verwandten oder Bekannten, welche alsdann für sein   Betragen verantwortlich sind, oder aus andern wichtigen Ursachen zum Aufenthalt   an einem Ort genöthigt worden seyn, so ist er gehalten, die Angabe durch   obrigkeitliche Zeugnisse bescheinigen zu lassen.
  6. Die Entschuldigung, auf der ganzen Reise kein Unterkommen gefunden zu haben,   kann, wenn von dem Tage der Abreise von Haus, oder von dem letzten Tage der   Eintragung des letzten Arbeits- und Aufführungszeugnisses bis zu einer weiteren   solchen Bescheinigung, schon volle 3 Monate abgeflossen sind, außer den sub 5.   erwähnten Fällen nicht angenommen werden, und das Wanderbuch verliert seine   Gültigkeit.
  7. Nur solchen Arbeits- und Aufführungs-Zeugnissen wird Glauben beigemessen,   welche durch obrigkeitliche Unterschriften und Siegel bestätigt sind.
  8. Wenn eine oder die andere dieser Vorschriften und Erfordernisse an dem   Wanderbuche abgeht, und eine befriedigende Entschuldigung nicht vorgebracht zu   werden vermag, so wird der Handwerksgesell von der betreffenden Polizei-Behörde   als Müßiggänger und Läufer behandelt, ihm daher das Wanderbuch abgenommen, und   er mit einem Passirzettel oder Marschroute auf geradem Wege in seine Heimath   verwiesen werden.

Der Wanderweg

Der Wanderweg führte über Alzey, Mannheim, Landau, Karlsruhe,   Kehl wieder zurück nach Mannheim. Dort arbeitete der Handwerksgeselle einige   Monate, um dann wieder nach Hause heimzukehren. Die Vielfalt der Stempel nach   Form und Farbe zeigt die Vielstaatigkeit des damaligen Deutschen Bundesstaates,   da der Wanderweg aus dem Fürstentum Birkenfeld durch das Großherzogtum Hessen,   das Königreich Bayern und das Großherzogtum Baden führte.

Handschriftliche Eintragungen der Meldebehörden im Wanderbuch   (Anmerkung: Buchstabengetreu übernommen):

„Nach Mannheim. Alzei den 11. September 1837, Poliz. Commißat,   gez. Obenheimer.“ Dazu ein schwarzer Stempelabdruck, Hochoval, Wappen mit   aufgesetzter Krone, Ortsbezeichnung ALZEY, Umschrift unleserlich.

Nach der Ankunft in Mannheim scheint sich der Wandergeselle   einer Impfung unterzogen zu haben. Vermerk: „Geimpft, Haut rein. Mannheim, den   18-9-37 gez. Nölling“

Nach zweimonatiger Arbeitszeit zieht der Geselle weiter.   Eintragung: „War hier in Arbeit und geht nunmehr nach Landau. Mannheim, den   28ten 9bre (= November) 1837 Grossh. Polizeibureau gez. Kesselschläger“   Schwarzer Stempelabdruck, Umschrift im Doppelring: GROSHERZOGTHUM BADEN.   Stempelfeld dreizeilig: POLIZEY – BUREAU – MANNHEIM.

Nächster Vermerk: „Nr. 9251. Nach Carlsruhe. Landau, den 30.   9ber 1837 gez. Stahl“ Roter Stempelabdruck, Wappen und Umschrift undeutlich, im   Stempel Ortsangabe LANDAU. Zwei Tage später passiert der Wanderer Karlsruhe.   Eintragung: „Nr. 7584. Paß nach Kehl, Carlsruhe den 2. Dec. 1837 gez. Waibl“.   Schwarzer Stempelabdruck, Hochoval, Wappen mit aufgesetzter Krone, Umschrift   unleserlich, Ortsangabe Carlsruhe im Halbrund gesetzt.

Rheinaufwärts wandernd erreicht der Geselle mit Kehl den   südlichsten Punkt seiner Reise. Da er anscheinend keine passende Arbeit findet,   geht er wieder zurück nach Mannheim, wohl zur früheren Arbeitsstelle.   Eintragung: Gesehen, nach Mannheim. Kehl den 9ten Dec. 1837, Gr.   Commandantschaft, gez. G. Hagist“. Schwarzer Stempelabdruck, Hochoval, Wappen   von Baden mit aufgesetzter Krone, darunter Ortsangabe KEHL, Umschrift: GROSH.   BAD. COMMANDANT- SCHAFT.

Letzte Eintragung: „Innhaber war hier klaglos in Arbeit und   geht nach Haus. Mannheim den 12. Merz 1838 gez. Kesselschläger“.


Quellen:

      A.Heidrich, Mitteilungen des Vereins für   Heimatkunde im Landesteil Birkenfeld, April 1927, Nr. 2, 1.Jahrgang       Ernst   Drumm, Zweibrücken, Mitteilungen des Vereins für Heimatkunde im Landesteil   Birkenfeld, April 1931 (Nr. 2, 5. Jahrgang)       Max Müller, Geschichte der Stadt   St. Wendel, 1927 Bisher unveröffentlichte Auszüge:       Urkund-Buch der   katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius Wolfersweiler (ab 1720)       Mannual   des Gerbermeisters Johann Paulus Presser, ab 1762       Wanderbuch des Küfer- und   Bierbrauergesellen Johann Presser aus Wolfersweiler, 1837/38
Aus der   Festschrift der Raiffeisenbank Obere Nahe       aus Anlaß des 50 jährigen   bestehens im Jahre 1975